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Mission

Familie Schnüll

Trotz schwerer Naturkatastrophen auf Haiti, bleibt Familie Schnüll im Land und der Missionseinsatz geht weiter

Familie Schnüll schreibt:

Im Januar


Stimmungsbericht 2: „Erdbebenkatastrophe Teil 2“



Liebe Freunde und Verwandte,



Zwei Wochen ist das Erdbeben nun her. Vor einer Woche gab es eine Krisenbesprechung des Leitungsgremiums unseres Gemeindeverbandes (Mission Évangélique Baptiste du Sud d’Haïti, kurz MEBSH) mit den hier arbeitenden Missionaren. Ihr Lagebericht und ihre Prognose waren ziemlich düster:

- 1000 ende strömen nach Les Cayes und versuchen bei Freunden oder Verwandten unterzukommen. Die meisten haben nicht mehr als die Kleider am Leib (wenn überhaupt). Woher soll für alle Kleidung, Nahrung und Platz zum Wohnen herkommen?

- Die Läden haben geschlossen einerseits aus Sorge vor Plünderungen und andererseits weil in den nächsten Wochen (oder Monaten?) kein Nachschub von Port-au-Prince zu erwarten ist. Nahrungsmittel werden teurer und damit steigt das Risiko von Hungerrevolten und Einbrüchen – vor allem da, wo Geld und Vorräte vermutet werden, sprich bei uns Weißen.

- Banken haben ebenfalls aus Sorge vor Plünderungen geschlossen und wahrscheinlich auch, weil alles über die Zentrale in der Hauptstadt läuft – oder im Moment eben nicht läuft. Folge: ziemlich bald werden Bargeld knapp und Checks wertlos.

- Ohne Nachschub gibt es auch bald keinen Treibstoff mehr – nicht für Fahrzeuge und auch nicht für die Stromproduktion. Und ohne Strom ziemlich bald keine Kommunikation per Telefon oder Internet.

- Die Krankenhäuser sind hoffnungslos überbelegt. Es fehlt an Personal, Material und Medikamenten.

- Zu allem Überfluß sind auch noch zwei Gefängnisse zerstört worden, das Hauptgefängnis in Port-au-Prince und eines für Schwerverbrecher ca. 1 Stunde Autofahrt von Les Cayes. Mehre Tausend Insassen laufen seitdem frei herum.

- Die Polizei in unserer Gegend ist in dieser Lage zunächst damit beschäftigt, sich selbst zu schützen und die UN denkt darüber nach, Blauhelme abzuziehen, weil nun ja US-amerikanische Soldaten kommen (aber nur nach Port-au-Prince).

Dieser Bericht war keine Hysterie. Die einheimischen Leiter haben damit schlicht ihre Verantwortung für ihre ausländischen Mitarbeiter wahrgenommen. Natürlich wird in einer solchen Lage jeder gebraucht, aber wer bleiben und mit anpacken wollte, dem sollte vorher klar sein, worauf er sich unter Umständen einlassen würde.

Ich glaube, wir alle sind ziemlich eingeschüchtert aus dieser Besprechung gegangen. Eine größere Familie, die erst letztes Jahr nach Haiti gekommen ist, zog es vor, das Land für einige Zeit zu verlassen. Ein bißchen schwierig für uns ist, daß gerade zwei ihrer Kinder in Samuels Klasse sind und zu seinen besten Freunden zählen. Aber wir an ihrer Stelle hätten vermutlich genauso entschieden. Allerdings haben wir 3 Kinder weniger als sie und über ein Jahr mehr an Kultur und Sprache. Darum haben wir zwar auch angefangen, einige Sachen zu packen, damit es im Fall einer Evakuierung möglichst schnell gehen würde, aber haben auch mit eigenen Augen und Ohren weiter die Lage beobachtet.

Gott sei Dank hat Gott eingegriffen. Geschäfte öffneten bald wieder – zunächst nur für ein paar Stunden, mittlerweile wieder normal, allerdings mit immer leerer werdenden Regalen. Einige Tage später öffneten sich auch wieder die Bankschalter. Mit Schecks gibt es zwar immer noch Probleme, aber zumindest kommen Leute an ihr Konto. Telefonieren funktioniert wieder besser und zum Wochenende beendete Nachschub auch das stundenlange Anstehen an den Tankstellen.

Aber vor allem hat eine beispiellose Hilfswelle die Situation entspannt: Ärzte-Teams, medizinisches Material und Nahrungsmittel, Hygieneartikel und Kleidung werden nun auch in Les Cayes mit vielen kleinen Privatflugzeugen eingeflogen und ermöglichen zusammen mit den vielen finanziellen Gaben einen effektiven Beitrag zur Hilfe. Viele von uns Missionaren sind seitdem mit dem Transport der Güter nach Les Cayes und dem Verteilen an die verschiedenen Stellen beschäftigt. Die Hilfsgüter gingen bisher an die 4 Krankenhäuser und das Auffanglager der Stadt und an verschiedene Gemeinden, die als Anlaufstelle für Hilfesuchende fungieren.

In allem ermutigt uns sehr, daß viele einheimische Christen bei all der eigenen Bedürftigkeit noch einen Blick für andere behalten:

In der oben erwähnten Lagebesprechung schoben die haitianischen Leiter trotz aller düsteren Prognosen einen Hilfstransport nach Port-au-Prince an. „Noch haben wir etwas zum Teilen und darum dürfen wir unsere Geschwister, die nichts haben, nicht im Stich lassen.“ Wir Weißen waren in diesem Planungsprozeß zunächst die Bremser und ich empfand es für mich etwas beschämend. In Sachen Zusammenhalt und Opferbereitschaft kann ich noch viel von den einheimischen Christen lernen.

Eine Gemeinde hat in der Zeit, wo die Geschäfte eigentlich noch geschlossen waren mit viel Aufwand eingekauft und Einzelrationen zusammengestellt und schließlich mit einigen kopierten Bibelversen an einzelne verteilt.

Der Kindergarten, in den Sarah geht, hat im Moment wie alle haitianischen Schulen geschlossen. Die Mitarbeiter nutzen nun die Zeit, um für Krankenhäuser Essen zu kochen und auszuteilen.

In unserer Gemeinde gibt es Familien, die Verwandte verloren haben, andere die nun 10 und mehr Verwandte bei sich wohnen haben. Zwei Familien haben ihre meiste Habe verloren, weil das Haus, in dem sie zur Miete wohnten eingestürzt ist. Trotzdem sammeln sie für einen Hilfstransport in das größte verbandseigene Krankenhaus mit z.Zt. über 200 Patienten.



Solche und ähnliche Initiativen unterstützen wir mit unserem praktischen Engagement und mit den finanziellen Mitteln, die über die DMG eingehen. DMG-Mittel werden ganz bewußt über den Gemeindeverband bzw. einzelne Gemeinden eingesetzt aus zwei wesentlichen Gründen:

Zum einen bedeutet Hilfe an einheimischen Verantwortlichen vorbei eine massive Demütigung. Sie beweist Mißtrauen in ihre Kompetenz oder ihre moralische Integrität und drängt alle zusammen in die Rolle passiver Empfänger. Entmündigende Hilfe an einheimischen Strukturen vorbei beschädigt das Verhältnis von Schwarz und Weiß nachhaltig, weil es zeigt, daß Partnerschaft in ruhigen Zeiten nur gespielt ist, wenn in Krisen die Weißen wieder reflexartig das Kommando übernehmen. Ein tiefsitzendes Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Weißen finden wir bei vielen Haitianern und es findet sich oft schon in kleinsten Anlässen bestätigt.

Zum anderen haben die einheimischen Verantwortlichen den besseren Überblick. Bei ihnen laufen die Berichte aus den verschiedenen Orten zusammen. Sie sind z.Zt. in den am schlimmsten betroffenen Gebieten unterwegs (Jacmel, Petit-Goâve, Léogâne und Port-au-Prince), von wo nur spärlich Nachrichten kommen. Sie versuchen die Not in eine Liste zu bringen und in Zahlen auszudrücken, um eine Strategie zur Hilfe und zum Wiederaufbau zu entwerfen. Die Phasen nötiger Hilfe sind soweit klar: 1. Überlebenshilfe durch Medizinische Behandlung, Nahrung und Kleidung, 2. Starthilfe für Gemeindeglieder, die alles verloren haben, 3. Wiederaufbau von Kirchen und Pastorenhäusern, verbandseigenen Schulen und der Universität. Noch nicht abzusehen ist, wieviel Geld dafür nötig sein wird und wieviel an Hilfe von außen kommt. So wie wir überwältigt sind von dem Ausmaß der Zerstörung und dem Leid so sind wir auf der anderen Seite in gleichem Maße überwältigt von der Opfer- und Hilfsbereitschaft im Ausland. Gott und allen Beteiligten ein großes Danke.



Unser Familienalltag ist z.Zt. von einer ganz merkwürdigen Mischung geprägt: da ist der immer noch unplanbare Ausnahmezustand:

- wenn Güter kommen oder verteilt werden sollen, bleibt anderes liegen

- Sarahs Kindergarten und die Bibelschule haben noch nicht wieder geöffnet

- Seit gestern haben wir die Mutter und die 7 Monate alte Nichte eines Freundes aus Port-au-Prince hier

- Gedanken, Gespräche und eMails beschäftigen sich mit dem Erdbeben und seinen Folgen

- Wenn man ruhig am Schreibtisch sitzt hat man gelegentlich den Eindruck, ein Nachbeben zu spüren – manchmal stimmts, oft spielt einem der Kopf aber auch einen Streich …

Auf der anderen Seite ist da die Normalität, die so gar nicht dazu passen will:

- Samuels Schule für Missionarskinder geht ganz normal weiter

- Die Arbeit im Haus und im Garten geht seinen gewohnten Gang

- Die Post soll ab heute wieder wöchentlich kommen

- Morgen besprechen wir, wann die Bibelschule wieder öffnet, die dezentrale Schulung von Gemeindemitarbeitern in Maniche läuft seit Samstag wieder …



Dieses gemischte Gefühl wird uns wohl noch einige Zeit begleiten. Schon jetzt bestelle ich wieder online eine Grafikkarte für den Computer, während andere (vielleicht noch Wochen lang?) draußen schlafen und von der Hand in den Mund leben.



Schließen will ich diesen Bericht mit einer „Stimmung“, die nur schwer in unsere westlichen Denkmuster paßt und manchem Reporter Rätsel aufgegeben hat: Menschen sitzen zwischen Schutthügeln und singen christliche Loblieder. Eine Missionarskollegin, die einige Tage nach dem Beben in Port-au-Prince war, um dort Wasser und Nahrung zu verteilen, schlief mit den Menschen dort zusammen unter freiem Himmel. Morgens gegen 3 Uhr werden sie durch eines der vielen Nachbeben aus dem Schlaf geschreckt, wenig später hört sie von überall her um sie herum das Lied „Amazing Grace“ in Französisch. Unser Besuch aus der Hauptstadt berichtet von Menschen, die nach Tagen aus den Trümmern befreit werden und nicht zuerst nach einem Arzt oder nach Nahrung rufen, sondern: „Gibt es hier einen Christen? Ich will mich bekehren, ich will Christ werden!“

Für viele Menschen sind die Kirchen die einzige einheimische Anlaufstelle. Kirchlich organisierte Pfadfinder agieren in der Hauptstadt und auch hier in Les Cayes auf den Strassen, in den Krankenhäusern und Auffanglagern als effektive Ordnungshüter, verhindern Chaos und geben ein gewisses Maß an Sicherheit. Es scheint, daß Menschen gerade wegen des Leides Gott neu oder zum ersten Mal suchen.



Wir schließen mit einem ganz großen Dank für alle Ermutigung durch Anrufe und Mails und für alle Unterstützung im Gebet, durch finanzielle Gaben und nicht zuletzt durch viele kreative Ideen und persönlichen Einsatz, durch den die Hilfe in dieser Ausnahmesituation auf eine breite Basis gestellt wurde. Sie/Ihr alle tragen/tragt dazu bei, daß echte Hilfe möglich ist. Gott segne Sie/Euch darüber



Ganz herzliche Grüße



Volker, Anette mit Samuel und Sarah


geschrieben von Volker Schnüll am 29.01.2010 um 16:00 Uhr.


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